„Trumpen“ funktioniert auf dem Rennrad

Meine Vorbereitung auf die Mecklenburger-Seen-Runde glich der Vorbereitung von Donald John Trump auf sein Amt als 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Möglichst nichts trainieren was man für die Aufgabe braucht, keine Gedanken auf die Zeit nach dem Startschuss verschwenden … aber ungeheuer selbstbewusst und überzeugt das mal eben regeln zu können. „Make my legs great again!“

Mein Mar-a-Lago lag rund 30km vom Startort entfernt auf dem Hof Sorgenlos meines geschätzten Kollegen Andreas und seiner Frau Katrin. Auf einem alten Bauernhof, inmitten der weiten Natur und abseits vom Lärm der Zivilisation bereitete ich mich auf die 300km Distanz vor. Ursprünglich war eine asketische Lebensweise und viel Schlaf geplant, die herzliche Gastfreundschaft und gutes Essen und guter Wein führten jedoch zu einer Planänderung. Wenn schon nicht der Körper, so ging dann wenigstens der Geist perfekt vorbereitet am Freitag um 22:00 auf die Reise.

Am Start bewunderte ich einen Starter in den 50ern dessen Frau sich akribisch um die Oberrohrtasche am Rad kümmerte und auch beim aufsetzen des Rucksack behilflich zeigte und die Gurte festzog. Später stellte ich fest, dass die Frau an jedem (!) Depot auf ihren Mann wartete. Während dieser am Verpflegungsdepot Nahrung zuführte, füllte sie jedes Mal die Taschen auf und entfernte leere Gel-Packungen. Die Depots lagen maximal 50km auseinander – da braucht man eigentlich keine Gels. Sie wies ihn auch daraufhin das er genug hat, mehr Wasser bräuchte und half jedes Mal mit dem Rucksack. Eigentlich sind Begleitfahrzeuge verboten. Und schneller als ich war er auch nicht. An jedem Depot haben wir uns wieder gesehen. War mir die ganze Zeit nicht sicher ob es sich dabei um ein „Dom-Sklave“ Spiel oder eine „Bemutterungs“-Spielart handelte.

Die Runde startet in Neubrandenburg mit Startgruppen alle 20min von Freitag abends bis 22:00 und ab Samstag morgen um 04:30. Anders als beim großen Vorbild in Schweden wird dort nicht die ganze Nacht durch gestartet.

Wohl auch wegen der deutlich weniger Teilnehmern. Starten in Schweden 23.000, sind es in Mecklenburg gut 2.100 Starter gewesen. Hier liegt auch die Krux dieser Veranstaltung. Während die Vätternrundan schon über 50 Ausgaben hinter sich hat, gibt es die Mecklenburger Seen Runde erst seit 2014. Sinnvollerweise haben die Mecklenburger viel sinnvolles aus Schweden übernommen und eine weitgehend gut organisierte Veranstaltung auf die Beine gestellt. Die geringe Starterzahl bedeutete aber auch, dass sich auf der traumhaften Strecke teilweise meilenweit kein anderer Radler zu sehen war. Da ich nicht gewillt war auf Gruppen zu warten, bin ich durch die Nacht sicherlich gut 150km alleine gefahren.

Hier brauchen Teilnehmer und Veranstalter einfach noch etwas Geduld – verdient hat es die Mecklenburger Seen Runde.

Nach dem Start in Neubrandenburg ging es Richtung Osten über Burg Stargard und Bellin zur Feldberger Seenlandschaft. Und dort rund 100km südlich am und durch den Müritz Nationalpark.

Zu Beginn hatte ich noch meine Startgruppe um mich herum, die jedoch beim ersten Depot rausfuhr und eine längere Pause machte. Ich wollte erst gar keine Pause machen, aber die Mission „Make my legs grat again!“ geriet etwas ins stocken. So machte ich nur eine kurze Pause und mich dann alleine auf in die Nacht. Der Wetterbericht sagte Tempersturen von 11 Grad in der Nacht vorher. Laut meinem GARMIN EDGE 810 waren es dann wohl teilweise nur 6 Grad. Der aufkommende Nebel ab 01.00 Uhr war (überraschend) kalt und feucht und sorgte für ein unwohles Gefühl. Kälte machte sich in meinem Körper breit und ich wartete auf sehnsüchtig auf den Sonnenaufgang. Bis zu 30 Grad waren für den Samstag angesagt.

Dazu bekam ich mit meiner Radhose ein Problem. Hose – Po – Sattel wollten sich ab km100 einfach nicht mehr miteinander spielen und der Schmerz war schon teilweise unangenehm. An jedem Depot die Hose wieder zurecht zupfen. Hier muss ich bis Schweden unbedingt noch eine Lösung finden.

Die Stunden ab 3:00 morgens entschädigten dann für alles. Die Sonne machte sich langsam am Horizont bemerkbar. Ein rötlicher Streifen über den noch dunklen Hügeln zeichnete sich ab. Mit beginnender Helligkeit bot sich dann ein traumhaftes Bild. Leichte Hügel zwischen denen Nebelschwaden waberten, gelbe Rapsfelder und Sonnenstrahlen die den Nebel in warme Farben tauchten.

Nur so richtig warm werden wollte es um diese Zeit immer noch nicht. So begann ich zu rechnen, dass das 216km Depot bei Alt-Schönau gegen 08:00 erreicht sein sollte. Dieses Depot hatte ich auserkoren um die Bekleidung auf kurz/kurz umzustellen. Sollte die Sonne nicht mitspielen, kündige ich den „Sonnen-Vertrag“ und verhandel ihn neu, da der bestehende Vertrag mich benachteiligt.

Aber meine Drohung reichte aus. Die Temperatur war dort schon bei 16 Grad Celcius angelangt und es deutete sich ein herrlicher Tag an mit strahlend blauem Himmel. Und das Depot war der Knaller, der ursprünglich aus Bochum stammende Landwirt Axel Maiweg hat seinen Hof als Depot zur Verfügung gestellt. Der Hof Maiweg hat schon einiges geboten. Lounge Möbel, ein Planschbecken mit eiskaltem Wasser, unterstützt vom Jugend THW bei der Getränkeausgabe und der Verpflegungsstation. Hier wollte ich nie wieder aufstehen.

Nach fast einer halben Stunde Pause und mehreren Cola machte ich mich dann endlich in kurz/kurz auf die restlichen Kilometer. Über Groß Gievietz ging es nach Sorgenlos (der Ort heißt wirklich so!). Auf dem Weg kam ich am Hof Sorgenlos vorbei und überlegte kurz dort schon meinen Rucksack abzugeben. Aber dann wäre ich auf keinen Fall wieder auf mein Rad gestiegen. Mein Hintern tat weh!

Dann kamen acht Kilometer die so gar nicht meins waren. 8km entlang der B194 ohne Radweg. Auf Bundesstraßen fahren ist so gar nicht meins. Andererseits fahren in Mecklenburg-Vorpommern am Samstag morgen so gut wie keine Autos. Aber trotzdem, das war nicht meins.

Aber 50km vor dem Ende der Radtour hatte ich schnell andere Gedanken. Das übliche Zwiegespräch mit meinem inneren Schweinehund „Das soll Spaß machen?“. Eigentlich schon.

Und dann fuhr ich mal eben nach Chemnitz. Der geographisch versierte Leser wird sich nun verwundert die Augen reiben. Chemnitz? Nicht Chemnitz in Sachsen ist gemeint, sondern ein kleiner Ortsteil von Blankenhof – 10km vor dem Ziel. Dort standen viele Familien mit Grill, Bier und Pavilion am Straßenrand und feuerten die Teilnehmer an. Das war kurz vor dem Ziel eine echte Motivation. Leider habe ich hiervon keine Bilder, da ich zu diesem Zeitpunkt den Ausfall meiner Garmin VIRB beklagen musste.

Nach 300km kam das inoffizielle Ziel vor dem Kurpark von Neubrandenburg in Sicht. Der Veranstalter wollte wohl Geschwindigkeitsrekorde und Sprints durch die Kurparkbesucher und Rennrad Groupies vermeiden.

Für mich ging es wieder zurück zum Hof Sorgenlos und in der Hängematte wurden ernste Gespräche über Gott und die Welt mit Hilfe philosophischer Getränke geführt.

Mein Fazit: Ich war mies trainiert, auch wenn Strava mir sagt das ich nie so fit war wie im Mai 2017. Ich hatte Probleme mit der Hose und Probleme mit der GARMIN VIRB XE. Wie 2016 beim Rhön Radmarathon war die 2017 die MSR meine Generalprobe für Schweden. Die Veranstaltung und die Landschaft ist klasse, gebt ihr Zeit. Es bleibt aber immer noch das Zitat von Wayne Campbell aus „Waynes World 2“: „Eine Kopie ist niemals so gut wie das Original„.

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