Vätternrundan 2017

23.30. Motala. Innenstadt. Rechte Startspur. Der schwedische Kommentator redet ununterbrochen auf die Menge ein. Es werden Interviews mit den Teilnehmern durchgeführt. Ein Deutscher versucht in Schulbuch-Schwedisch zu antworten. Vermutlich ein Lehrer. Die Nervosität steigt. Die Coolness sinkt. Im Kopf gehen zahlreiche Gedanken umher. Habe ich alles? Passt die Kleidung? Wann kommen die Steigungen? Wie sind meine Ziele? Ein letztes Selfie vor dem Start.

Meine Vorjahreszeit lag bei 14:15h brutto. Netto war ich 12:15h unterwegs. Ich wollte 2017 mich auf jeden Fall verbessern.

Und schon lief der Countdown auf der Startuhr herunter. 23:30. Los. Ich stand weit hinten im Block. Ich versuchte Ruhe auszustrahlen. Klickte den rechten Fuß erst ein als sich der Block in Bewegung setzte. Dann rollte ich die ersten Meter den Berg herunter. Das Feld wird den ersten Kilometer hinter einem Motorrad aus der Stadt herausgeführt. In Richtung Vadstena geht es auf Nebenstraßen den See entlang. Mein Master-Plan sah vor, nach 105km im Depot von Jonköping eine kurze Pause zu machen. Teil meines Plans war eine Reduzierung der Standzeiten – so fährt man auch bei den 24h Le Mans die Siege ein.

Das erste Depot in Ödeshög bei km47 habe ich recht liegen gelassen. Zu Beginn hatte ich eine gute Gruppe und konnte meinen Plan umsetzen. Für mein Ziel 12:00h brutto musste ein Schnitt von 25km/h inklusive Standzeiten gefahren werden. Ich hatte hier meinen Garmin EGDE 820 so eingestellt, dass auf einer Trainingsseite die Gesamtwerte (Zeit und Durchschnitt) angezeigt wurden.

Nach gut 70km kam die Kopfsteinpflastersektion durch das malerische Gränna. Aus dem Vorjahr wusste ich, dass es am Ortsausgang eine längere Steigung gab. Eine Steigung wie ich sie nicht gut fahren kann. Mein Gesamtschnitt lag aber auch nach diesen Hügel im Bereich von 26km/h.

Im Depot von Ölmstad (km83) bin ich kurz rausgefahren. Habe etwas getrunken, Wasserflasche aufgefüllt und 2-3 Milchbrötchen gegessen. Und wieder auf das Rad zum „Pflicht-Depot“ in Jonköping. Das ich in diesem Jahr auf Kottbüllar mit Kartoffelpürre verzichten wollte stand schon beim Start fest – der Plan mit den kurzen Standzeiten war weiter aktuell.

Auf den letzten 20km vor dem Depot hörte ich jedoch immer ein schepperndes, metallisches Geräusch am Rad. Zuerst dachte ich, ich hätte die Kette nicht richtig vorbereitet oder das etwas im Bereich Tretlager/Kurbel defekt war. Dann merkte ich, dass die Geräusche vom Vorderrad gekommen sind.

Im Depot ging es dann auf Fehlersuche mit dem Ergebnis das drei Speichen locker waren. Dort gab es einen Servicepunkt den ich dann aufsuchte statt mich zu Verpflegen. Also zeigte ich dem Mechaniker mein Vorderrad und die lockeren Speichen. Noch während ich redete hatte der gute Mann mein Vorderrad in der Hand und ich stand mit einem Vorderradlosen Rad herum. 15 Minuten später gab es ein zentriertes Vorderrad zurück. Eine – o Schreck- dunkelhaarige Schwedin notierte meine Startnummer, ich unterschrieb und 6 Wochen später bekam ich eine eMail das die Rechnung nun bereit steht. In meinem persönlichen Bereich konnte ich die Zahlung veranlassen. Zeitverlust ca. 15 Minuten.

So ging es aus Jönköping heraus zu den Anstiegen bei Habo. Und einen atemberaubenden Blick über den Sonnenaufgang über dem Vätternsee.

Auf dem Weg nach Karlsborg zum 204km Depot bekam ich dann ernsthafte Probleme mit der Müdigkeit. Ein oder zwei Mal war ich mir sicher einen Sekundenschlaf gehabt zu haben. Keine gute Wahl auf einem Rennrad. So habe ich unterwegs an einem Feldrand eine Pause gemacht und mich für 15 Minuten in die Wiese gelegt.

Gegenüber 2016 habe ich auf der Strecke bestimmt 20 Fahrer gesehen die während der Morgendämmerung auf dem Abschnitt zwischen Jonköping und Karlsborg am Streckenrand geschlafen haben. Vielleicht lag es daran, dass in diesem Jahr das Wetter deutlich besser war. Kaum Wind, trocken.

Was ich auf dem langen, nur sehr leicht profilierten Abschnitt zwischen km145 und Karlsborg nicht geschafft habe, war eine große Gruppe zu finden von der man sich ziehen lassen konnte. Nach der Reparaturpause und dem Nickerchen musste ich eh kleinere Brötchen backen. Das neue Ziel hieß: 13:00h brutto. Eine gute Persönlichkeit zeichnet es aus, wenn man sich wie selbstverständlich neuen Gegebenheiten anpassen kann. Ich habe niemals im Vorfeld von 12:00h Brutto gesprochen. Das haben alle die es gehört haben, falsch verstanden.

Bei km171 musste ich in Hjo einen Zwischenstopp einlegen. Nicht um Lasagne auszunehmen, sondern um die sanitären Anlagen zu nutzen. Vor den immer wieder tollen Dixie-Häuschen kam es zu langer Staubildung – der Ruhrgebietler fühlte sich heimisch. Und nahm eine Ausweichstrecke. 50m war der Hafen von Hjo und dort gab es feste, öffentliche Sanitäranlagen. Verpflegung übersprungen. Also alles im Plan.

In Karlsborg habe ich das Depot ausgelassen. Stattdessen mit Eigenverpflegung direkt an den See gesetzt und wieder etwas länger pausiert. Sicherlich so 15 Minuten. Plan nicht gepasst. Ich war total müde. Schlaftaktik voll daneben gegangen. Und ich habe keine Ahnung warum. Bin aber auch nicht wirklich der Analytiker.

Nach Karlsborg waren es nur noch gut 95km bis ins Ziel. Ich war schon arg gezeichnet von der Tour. Habe wieder das Phänomen gehabt, dass mein Herz-Kreislaufsystem ziemlich im „Chill-Mode“ war, aber meine Oberschenkel leer sind. Entweder Muskulatur zu schwach oder Gewicht zu hoch oder beides.

Aus Karlsborg heraus kamen wieder einige kleinere Anstiege auf mich zu. Gefühlt war ich aber deutlich besser unterwegs als im Vorjahr. Die Anstiege taten weh, aber ich kam etwas besser drüber hinweg. Die Frühjahrsklassiker und die Übungen in der Sonsbecker Schweiz zeigten Wirkung. Für da rot gepunktete Trikot bei der Tour de France dürfte es nicht reichen.

Nach Karlsborg ging es auf die Nordspitze des Vätternsee zu. Auf einen letzten Stop in Hammersund, direkt nach der Brücke über den Fjord. Viele kleine Nicht-Markus-Wellen. Aber wie im Vorjahr war ich an dieser Stelle im Flow. Relativ geringe Wahrnehmung wie es mir ging, wo ich war, warum ich dort war. Ich bin einfach nur noch durchgefahren.

Und irgendwann stand ich im Depot bei Hammersund. Schnell was trinken, 2-3 Milchbrötchen und ab. Der Anstieg bei Medewi stand als letzter Scharfrichter auf dem Programm. Dachte ich. Hier hatte ich wieder Erinnerung an den Streckenverlauf. Ich wartete auf die Straße rechts rein und dann links den Berg hoch. Spannend fand ich, dass ich nur 3 Sekunden schneller war als 2016. Aber oben ziemlich entspannt. Das kann ich noch nicht so ganz einschätzen.

So konnte ich anders als 2016 nach Medewi noch richtig gut die letzten 25km unter die Räder nehmen. Im Vorjahr habe ich auf dem Stück noch zwei oder drei Mal angehalten weil einfach gar nichts mehr ging. DIeses Jahr ging es dann mit Stil ins Ziel.

Ich stehe jetzt wohl an dem Punkt einen Mensch mit Ausdauer in einen schnellen Mensch mit Ausdauer zu trainieren. Im Vorjahr hatte ich vor der Distanz einen riesigen Respekt. Nach Mecklenburger Seen Runde und Vätternrundan glaube ich, dass die 300km nicht mehr mein Problem sind. Aber der Speed. Ich möchte 2018 in 11:38h um den See fahren.

 

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